wOrte, 2020

wORTE | 2020 | WERKREIHE WORTE | TEXTE

Am Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte meine Großmutter auf der Flucht vor den russischen Soldaten ihre Kinder und sich sich selbst umzubringen und schnitt meinem Vater die Pulsadern auf. Mein Vater überlebte den versuchten erweiterten Suizid knapp und behielt eine Narbe am Handgelenk zurück. Dieses Trauma, über das in der Familie nie gesprochen wurde und von dem ich eher zufällig erfuhr, ist immerwiederkehrendes Motiv von wOrte und versucht eine Verbindungslinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Ausgehend von diesem familiären Indiz, in Form von vagen überlieferten Andeutungen, untersucht wOrte die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die heutige Lebensrealität.

Über mehrere Jahre habe ich mich, parallel zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, in einen intensiven Schreibprozess hineingeben. Mich interessierte die Frage an welche Räume, Orte, Situationen, Gegenstände und Erlebnisse erinnere ich mich und wie kann ich ein Narrativ gestalten, das in der Familie nicht versprachlicht wurde. Meine Schreibweise hatte dabei keine lineare Form. Vielmehr interessierte es mich aus verschiedenen Erinnerungsfragmenten, die für mich auf irgendeine Weise präsent waren, assoziative Bezüge herzustellen. Zu Beginn arbeitete ich an einzelnen Textstücken. Es entstand ein unsortierter Pool an kurzen Texten, Worten und Gedanken. Interessant war, dass sich relativ bald die Textstücke in zwei verschiedene Narrative aufteilten, die wie gegenübergestellte Bedeutungserweiterungen zu betrachten waren. Die Textstücke, die ich im weiteren Prozess schrieb, bezogen sich auch immer wieder auf den Prozess beim Schreiben selbst. Die Schwierigkeit Worte zu finden, die Bedeutung von Worten zu verstehen oder der Bedeutung zu vertrauen und die Schwierigkeit sich selbst zu versprachlichen, werden in den Texten formuliert. Der Schreibprozess von wOrte war der erste Teil eines größeren Entwicklungsprojektes und stellt eine Forschungsarbeit über “das Erinnern” dar. wOrte  untersucht dabei den Schreibprozess einer autobiografischen Konstruktion, in der sich Erinnerung und Imagination vermischen. Die Arbeit an den Texen habe ich 2020 abgeschlossen. Schon während des Schreibprozesses wurde klar, dass die Gestaltung der Texte und der formale Aufbau sich durch den Inhalt bedingen. Die Typografie vermittelt somit nicht nur den Inhalt, sondern wird in seiner Gestaltung selbst zum inhaltlichen Bestandteil von wOrte. Aktuell entsteht die Gestaltung eines Künstler*innenbuches.